Andreas Wecker, der Star der Deutschen Turnerszene, träumte schon im Alter von 9 Jahre vom olympischen Gold. Drei Jahre früher hatte er in Magdeburg mit dem Training begonnen und nun hatte sich sein Talent soweit entwickelt, dass er in die Sportschule Berlin wechseln konnte. Ab 1980 gehörte er in seiner Altersklasse permanent der Spitze des Turnsports in Deutschland an (zunächst innerhalb der Grenzen der DDR). Andreas nahm im Laufe seiner Karriere viermal an den olympischen Spielen teil und errang dabei 1x Gold, 2x Silber und 3x Bronze.
„Das ist schon eine Landmarke, die ich da gesetzt habe. Das wird so schnell niemand wiederholen können.“ Außerdem war er bei neun Welt- und fünf Europameisterschaften aktiver Teilnehmer. Auf nationaler Ebene wurde er 40x Deutscher Meister (bzw. „Sportler des Jahres“ in der DDR). „Die Suche nach dem persönlichen Erfolg im Leistungssport war meine Art, mit den Hänseleien meiner Umgebung umzugehen. Aufgrund meiner Körpergröße war ich immer wieder dem Spott anderer ausgesetzt“, beginnt er die Beschreibung seiner Sportlerkarriere. „Der Preis für diese frühen Erfolge war aber hoch. An sechs Tagen der Woche trainierte ich jeweils sechs Stunden. Und dann noch der Schulunterricht.
Es gab für mich nur Klassenzimmer und Turnhalle. Wenn im Sommer die anderen ins Freibad gingen, führte mich mein Weg zum Training. Spielen und Toben im Freibad konntest du vergessen.“ Mit nur 18 Jahren hatte er sich bereits für die Nationalmannschaft der DDR qualifiziert. In Seoul nahm er 1988 zum ersten Mal an den olympischen Spielen teil. „Ich war damals der jüngste Olympiateilnehmer, ein Rekord, der erst bei den letzten olympischen Spielen gebrochen wurde. Und gleich bei meinem internationalen Debüt, gewannen wir mit der Mannschaft die Silbermedaille und ich war beim Reckfinale dabei.“ Seine Gefühle schwankten zwischen grenzenloser Begeisterung und totaler Überforderung. „Als der Milchreis-Bubi, der ich damals war, überforderte mich das plötzliche Medieninteresse.
Das hatte ich vorher so nicht erlebt. Bei den Europameisterschaften war nicht so viel los. Und in der DDR war es üblich, dass die Fragen vorher abgesprochen waren. Außerdem war ich nicht sehr redegewandt und total schüchtern.“
Ein gutes Jahr später, am 22.Oktober 1989 wird er dreimal Vizemeister bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart. Nur wenige Tage vor dem Fall der Mauer! „Von diesem Tag an begleitete mich auf internationaler Ebene der Nimbus des ‚ewigen Zweiten‘. Bei diversen EMs und WMs wurde ich fünfzehnmal Vizemeister. 1995 hatte ich dann bei einer WM meinen internationalen Durchbruch. Endlich gewann ich einen Weltmeistertitel. Meine internationale Karriere konnte ich 1996 in Atlanta mit olympischem Gold am Reck krönen. Auf einmal war ich neun Meter groß, als ich dort oben auf dem Treppchen stand.“
Bis 1997 erleidet er nur wenige Verletzungen, die glücklicherweise auch recht glimpflich verlaufen. Doch in diesem Jahr verletzt Andreas sich zum ersten Mal schwer und erklärt seinen Rücktritt vom Turnsport. Aber nur ein Jahr später fängt er mit seinem Sport wieder an. „Das endgültige Ende meiner Karriere kam 2000, während der olympischen Spiele in Sydney. Der Bizepsanker riss aus meiner Schulter und zwang mich zur Aufgabe. In dieser schwierigen Situation fand ich keinen Halt, weder im Team, noch bei Freunden. Und 2001 kam es dann besonders dick“, resümiert er. „Persönlich und finanziell kam der völlige Absturz.“
Aus dem persönlichen Tief hilft ihm seine jetzige Ehefrau heraus. „Es waren zwar noch kleine Geldreserven vorhanden, doch saßen mir die Banken bereits im Nacken. Während meiner aktiven Zeit hatte ich verschiedene Lehren begonnen, doch nie zu Ende geführt. So hatte ich also keinen klassischen Beruf, auf den ich hätte zurückgreifen können.“ 2002 versucht er sich in verschiedenen Dingen, u.a. als Personal Trainer in verschiedenen Städten Deutschlands. Der Erfolg bleibt jedoch aus. „In mir war schon seit geraumer Zeit der Wunsch gewachsen, anderen Menschen helfen zu können. Gemeinsam mit meiner Frau überlegte ich, ein Wellness Center zu eröffnen. In den ersten drei Monaten nach Geschäftseröffnung blieb ich jedoch in meinem Laden alleine. Kein Kunde ließ sich sehen. Rückwirkend erkennt er, dass er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal selber helfen konnte. Woher sollte er also die Kraft nehmen, anderen zu helfen? „Schließlich musste ich erkenne, dass ich mich völlig überfordert hatte. Hinzu kam eine Krankheit, die ich über einige Jahre verschleppt hatte und die jetzt richtig ausbrach: Pfeiffersches Drüsenfieber. Mir war nicht bekannt, dass ich diese Krankheit in mir trug.“ (Pfeiffersches Drüsenfieber ist eine Krankheit, die vor allem bei Leistungssportlern auftritt.) 2003 war DAS schwarze Jahr in seinem Leben: „Diese Krankheit, drohende Zwangsversteigerung und der Strom wurde uns zweimal abgeschaltet. Zeitweise fehlte es sogar am Geld für Lebensmittel. Alles private Vermögen und sämtliche geborgten Gelder waren aufgebraucht. Zudem hatte sich ein riesiger Schuldenberg aufgetürmt. Die Gerichtsvollzieher kannte ich inzwischen beim Namen.“ In der Zeit seiner Erfolge genoss er das Leben. Fuhr teure Autos (z.B. 500SE) und war total auf Geld fixiert. Auch in seiner jetzigen Krise hofft er sich mit Geld freikaufen zu können. Er gibt viel Geld für Lotto aus, in der irrigen Annahme, einmal gewinnen zu müssen. „Anfang 2004 lernte ich so genannte Geistheiler kennen. Plötzlich hatte ich die ganze Bude mit den größten Geistheilern Russlands voll. Quasi über Nacht rutsche ich immer mehr auf die esoterische Schiene. Jede Menge Geld ging für Lotto, Wahrsager und Geistheiler drauf. Doch anstatt Heilung oder Besserung der finanziellen Situation zu erleben, wurde meine Situation immer kritischer.
„Als Olympiasieger bist Du auf dem Gipfel dessen angekommen, was Du als Sportler erreichen kannst. Aber wenn Du dich auf Gott einlässt, geht es immer weiter, kommt immer noch mehr.“
